Die Donauinsel im NÖ-Vergleich

Warum Schwäne kein Döner Kebab fressen sollten und eine Reihe von Mistkübeln noch lange keine Allee ergibt.

 

Zugegeben, der Zeitpunkt für diesen Lokalaugenschein ist schlecht gewählt, denn üppiges Frühlingsgrün lässt das ein oder andere Graffiti verschwinden und es wächst Gras über so manche weggeworfene Bierdose. Der Winter lässt so einiges noch trister wirken als es ohnehin schon ist und er schreckt Schönwetterläufer, Spaziergänger und Radfahrer ab. Nur eine Hand voll hartgesottener Herrchen und Frauchen mit ihren Hunden sind gezwungenermaßen an diesem kalten Januar-Tag unterwegs auf der Donauinsel und der gegenüberliegenden Lände am Handelskai.

Das Kleinstadtidyll

Nicht mein angestammtes Revier, denn ich bin eine waschechte Niederösterreicherin und damit etwas verwöhnt was die Gestaltung von öffentlichen Grünflächen entlang der Donau – und generell – angeht. Geboren und aufgewachsen bin ich in Tulln an der Donau und auch wenn mich Schule, Studium und Beruf schon sehr früh nach Wien geführt haben, so bin ich doch meiner Heimat treu geblieben und wohne bis heute dort. Schließlich liegt Wien nur ein paar Stromkilometer flussabwärts.

Tulln ist ein schmuckes Städtchen und trägt nicht umsonst den Beinamen Blumenstadt. Gleich zweimal hat meine Heimatstadt in der Vergangenheit beim europäischen Blumenschmuckwettbewerb „Entente Florale“ die Goldmedaille errungen und war damit die offiziell schönste Blumenstadt Europas – mit Brief und Siegel, wenn man so will. Zwischen der Rosenbrücke auf der einen und der Donaubrücke auf der anderen Seite des Stadtzentrums erstreckt sich auf gut zwei Kilometern die wohl schönste Donaulände entlang des blauen Stroms. Die Treppelwege sind von üppig blühenden Rabatten gesäumt, es gibt eine schwimmende Donaubühne, etliche Brunnen und eingerahmt wird das Ganze von einer Reihe historischer Bauwerke, angefangen beim Minoritenkloster bis hin zum Salzturm, der im 3. Jahrhundert nach Christus von den Römern errichtet wurde. Alles sehr pittoresk also. Aber das ist natürlich Ansichtssache, wie Voodoo Jürgens so genial besingt:
https://www.youtube.com/watch?v=KKA3Wg6MrGs&feature=share (Voodoo Jürgens – Tulln, Official Video)

 

Urbaner Dschungel

Ganz anders in Wien. Sehr abrupt werde ich ausgespieen von der wohlig-warmen Millennium City in deren Garage ich mein Auto geparkt habe und stehe unvermittelt auf der verglasten Fußgängerbrücke, die mich sicher über den vielbefahrenen Handelskai und die Schnellbahntrasse führt. Ein rauer Wind bläst mir um die Nase, an der Donau ist es gleich ein paar Grad kälter als in der Innenstadt. Ich möchte das Urbane hinter mir lassen und mir anschauen, warum die Wiener Erholung auf ihrer geliebten Donauinsel suchen, diesem Stück künstlich erschaffener Natur inmitten der Großstadt.

Über eine monströs hohe Stiege (die man mit einem Lift umschiffen könnte) stehe ich nun direkt am Wasser und damit offenbar an einem DER Schwäne-, Enten- und Taubenfütterungs-Hotspots der Stadt. Gierig stürzen sich die Wasservögel auf die letzten Krümel der aus dem Food Court im Shoppingscenter mitgebrachten Speisen. Pizza und Döner Kebab fallen wohl nicht unter artgerechte Fütterung, aber den Entchen scheint‘s zu schmecken. Man muss sich schließlich anpassen, um in der großen Stadt zu überleben.

 

Ich bewege mich Richtung Georg-Danzer-Steg und werfe noch einmal einen Blick zurück auf den Millennium Tower, der über einem Graffiti-beschmierten Sockel zu schweben scheint. Der Aufgang zur Fußgängerbrücke, die parallel zur Trasse der U6 verläuft, liegt genau gegenüber der Schnellbahnstation Handelskai, über die man auch zur U6-Station Handelskai kommt.

 

 

 

 

Die sich schneckenförmig hinaufwindenden Aufgänge beiderseits der Gleise – für Radfahrer links, für Fußgänger rechts, die wenigsten halten sich allerdings daran – sind mit Graffiti geschmückt, zwei ärmliche Bäumchen wachsen in ihrem Inneren, und zum ersten Mal an diesem Tag bin ich froh über die Minusgrade, der Gestank nach Urin wäre sonst wohl nicht zu ertragen.

       

 

Die Insel – Eine Brückenwüste

Beim Gang über die Brücke frage ich mich, ob der Mensch wirklich dazu geschaffen ist, einen Strom dieser Größe zu Fuß zu überqueren. Elends lang zieht sich dieser Marsch in die Länge, durchbrochen nur vom Rauschen der vorbeifahrenden U-Bahn-Garnituren. Durch die hohe blickdichte Wand, welche die Trasse vom Spaziergänger trennt, fühle ich mich dem breiten Strom ausgeliefert und auch wenn der Steg nicht allzu eng ist, beschleicht mich doch ein unangenehmes Gefühl. Beim Hinübergehen sinniere ich über die Wortbedeutung von Insel – eine einsame Insel, fernab von allem. Die Donauinsel war damit wohl nicht gemeint und ich frage mich, ob die vielen Brücken, Stege, Autos, Züge und U-Bahnen nicht ein wenig zu viel Infrastruktur für eine Insel sind.

 

Vandalismus und Vernachlässigung

Endlich angekommen auf der Insel fällt mein Blick auf eine Tür zu einem Versorgungsraum der Wiener Linien, über dem eine Lampe hängt. Ihr fehlt die Abdeckung, die Verkabelung ist zu sehen, sie hat kein Glas und das Leuchtmittel hat wohl schon lange nicht mehr für Erhellung gesorgt. Wahrscheinlich ist es völlig sinnlos sie zu erneuern, einen Steinwurf später sieht sie wohl wieder genauso aus. Die Spinnen empfinden das scheinbar ebenso und fühlen sich dort deshalb so wohl. Ein trauriges Bild.

 

Die Mistkübelallee

Schon am Handelskai ist mir eine Reihe von Mistkübeln aufgefallen die in Reih und Glied aufgestellt sind. Zusammen mit den Bäumen könnte man beinahe meinen, sie gehören zur Allee. Eigentlich sind es nur bessere Betonröhren aus dem Kanalbau mit dem weithin sichtbaren orangen Aufdruck „Misttelefon“. Sie sind wie auf einer Perlenkette aufgereiht und so mancher Rabe macht sich über ihren Inhalt her. Nicht sehr hübsch, aber wohl zweckmäßig.

 

Ein Sackerl fürs Gackerl

Auf der Donauinsel selbst sind deutlich weniger davon aufgestellt und ihr Inhalt besteht zu einem großen Teil aus Hundefäkalien in schwarzen Plastiksäckchen. Sehr lobenswert! Allerdings findet nicht jedes Sackerl fürs Gackerl auch seinen Bestimmungsort.

Außer einer Reihe von Mistkübeln kommt auf dieser Seite der Donau lange nichts. Das ist sie jetzt wohl, die von den Wienern so verehrte Donauinsel. Still ist es hier freilich nicht, der Verkehrslärm der umgebenden Brücken ist unüberhörbar. Vorbei an unzähligen Pollern geht’s ein Stück des Weges. Die Sportstätten sind im Winter verwaist. Fußgänger und Radfahrer begegnen einem auch eher selten zu dieser Jahreszeit. Trotzdem, ein Gefühl von Ruhe und Naherholung will bei mir nicht so richtig aufkommen. Mir fällt wieder ein, dass ich einen riesigen, wunderschönen Eigengarten habe, rund um mein Haus in Niederösterreich, üppig blühend im Sommer, mit großen Schatten spendenden Bäumen und einem Obst- und Gemüsegarten, der alle Stückerl spielt und von den Nachbarn uneinsehbar ist. Zweifelsohne ein Luxus für viele Wiener. In diesem Moment fühle mich wieder darin bestätigt, mich dem Ruf der großen Stadt wiedersetzt zu haben.

Angesichts der Witterung, einer erkältungsbedingt triefenden Nase und der Tatsache, dass ich zu Fuß unterwegs bin, beschließe ich die Expedition hier abzubrechen und trotte zurück, vorbei an der Mistkübelallee und den Döner-fressenden Enten am Handelskai, hin zur Shoppingmall. Ich beschließe diesen Ausflug im Sommer zu wiederholen um der Donauinsel noch eine Chance zu geben. Ich glaube zwar nicht, dass sie in meinen Augen dann schöner ist. Grüner, vielleicht. Auf jeden Fall ist sie dann belebter und einer Metropole wie Wien zumindest ein bisschen würdiger.

Fotos: © B. Vogel

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