Der Weg ist nicht immer das Ziel

In der letzten Nacht verwandelte sich Wien in einen Traum in Weiß. Alle Dächer, Bäume, Autos und sogar Bürgersteige sind plötzlich mit einer dünnen Schneedecke überzogen und machen die Hauptstadt noch schöner als je zuvor. Natürlich entscheidet sich das Schicksal gegen mich und ich muss gerade heute den ganzen Tag im Biozentrum der Universität verbringen. Ich beschließe mir wenigstens den Weg dorthin ein wenig zu versüßen und entscheide mich für einen Spaziergang durch den Währingerpark, bevor ich bei der Nussdorferstraße in die U6 einsteigen muss.

Als ich den Park erreiche, kommen ein paar Sonnenstrahlen zwischen dem sonst bedeckten Himmel hervor und bahnen sich ihren Weg durch die Baumspitzen. Der Schnee fängt an zu glitzern und ich genieße den wundervollen Anblick bis zum Schluss. Am Ende des Parks verschlägt es mir beinahe die Sprache, denn DAS hätte ich nun wirklich nicht erwartet:

Eine Gasse, so matschig, schmal, dunkel und voll mit Graffiti, dass es fast keinen härteren Kontrast zur wunderschönen Erholungsfläche gibt. In dieser Gasse, in der King Rasa sein Zuhause gefunden hat, finde ich hingegen einige Dinge, die einem suspekt erscheinen können.

Ganz nach dem auf die Wand gekritzelten Motto „Enjoy“ mache ich mich auf den Weg durch diese mir etwas ungeheure kleine Straße. Nach den ersten zwanzig Schritten breitet sich meine anfängliche Nervosität noch ein wenig stärker aus, als ich das folgende Schild entdecke:

Auch wenn das Schild nicht für Fußgänger gilt, sagt mir mein inneres Stimmchen: Es gibt jetzt keinen Weg mehr zurück und schon lange keine Ausweichmöglichkeit, also geh schnell vorwärts und blick nicht zurück!

Als ich dann das gegenüberliegende, wirklich in die Jahre gekommende Haus und seine Bemalungen ein wenig eingehender betrachte, fällt mir direkt das Wort „Schwarzfahrt“ ins Auge. Ich starre auf das Gekritzel und den Putz, der angefangen hat sich an beiden Seiten stark abzublättern, und muss zwangsläufig an das erste Mal denken, als ich beim Schwarzfahren erwischt wurde. Die Angst, die ich damals (ich war 14) vor den Fahrkartenkontrolleuren verspürte, hat sich seither nicht gelegt und selbst heute wage ich es nicht ohne Ticket zu fahren. Der Schreck bei dem Gedanken an dieses Ereignis lässt mich zusammenzucken und schließlich weitergehen.

Meine Schritte beschleunigen sich erst und ich habe fast die Hälfte der Strecke hinter mir, als ich diese Tür entdecke und einfach kurz innehalten muss.

Seit fast einem Jahr wohne ich nun in dieser wunderschönen Stadt und noch nie habe ich eine Tür gesehen, die aussieht, als würde sich dahinter eine Strafanstalt verbergen. „Nicht verkeilen“ – ich frage mich, was das überhaupt zu bedeuten hat.

Ganz nach dem Motto „neues Gebäude, neues Glück“ gehe ich meines Weges – es gibt schließlich auch keinen anderen, denn links und rechts wird man von Mauern eingezäunt. Immerhin bieten die nächsten Graffitis auf dem Backsteinhintergrund einen schönen Kontrast. Sie sind groß, bunt, wild übermalt und natürlich: unlesbar.

Das nächste Schmuckstück, dass ich in der Gasse Richtung U-Bahn entdecke, überrascht mich doch sehr. Ein Klappstuhl, den man eigentlich nur im Sommer verwendet, liegt vor der Eingangstüre des nächsten Hauses, die natürlich komplett besprüht wurde. Darunter: eine Zigarettenschachtel. Ob das mit Absicht so platziert wurde, um als moderne Kunst durchzugehen? I doubt it.

Mit langsamen Schritten bewege ich mich auf das Ende der schmalen Straße zu, als ich noch folgendes kleines Kunstwerk entdecke, das so gar nicht zu all dem unschönen Graffiti passen will, aber sich dennoch irgendwie am richtigen Platz befindet.

Ich werfe schließlich noch einen letzten Blick zurück und bin froh, dass ich nun die Stufen hinabsteigen und diese schiache Schottenbachgasse verlassen darf.

Am Fuße der Stufen werde ich noch von einer Reihe Mülltonnen verabschiedet, die das Bild, welches ich von dieser Gasse gezeichnet habe, perfekt vervollständigen. Au Revoir!

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