Von Tradition bis Dekadenz – Die schiachen Seiten des Wiener Naschmarkts

Wer kennt ihn nicht, den berühmten Wiener Naschmarkt? In jedem Reiseführer als Top-Sehenswürdigkeit angepriesen, verspricht der größte Markt Wiens im Gemeindebezirk Mariahilf für Touristen wie Ur-Wiener ein multikulturelles Spezialitätenparadies mit Alt-Wien-Flair. Ein Spaziergang durch die Schirmlandschaft reicht allerdings aus, um den Hype um den sich augenscheinlich im Verfall befindlichen Markt dringend in Frage zu stellen.

Der Naschmarkt lockt mit kulinarischen, insbesondere orientalischen Spezialitäten und Speisen. Wer genau das nicht mag, ist hier völlig fehl am Platz, denn eine enorme Auswahl an internationalen Variationen gibt es trotz einer Anreihung von zirka 170 Verkaufsständen und Geschäften nicht. Ein Gewürzstand jagt den nächsten, das Angebot bleibt überschaubar. Für die Geruchsmixtur aus Oliven, Kebab und Falafel findet sich auch nach dem zehnten Anbieter keine Abwechslung. Der Knoblauchgeruch hat sich bis dahin aber eh längst in den Kleidern festgesetzt.

Für die einen das Flanieren, für die anderen die Nervenprobe

Genau hieran scheiden sich die Geister. Wer sich samstags im dichten Gedränge durch die engen Gassen schiebt, kann eigentlich nur Tourist sein. Oder doch jemand, der besonders Freude daran hat seinen freien Tag gestresst inmitten eines andauernden, lauten Menschenstroms zu verbringen. Flanieren ist das Zauberwort, das jeden Gast auf seinem Besuch begleitet. Viel Zeit zum Schauen bleibt jedoch nicht, wenn man vom Menschenstrom von einem Stand zum nächsten geschoben wird.

“Hallo Lady, Kebab?”

Dafür lassen sich die Händler einiges einfallen, um die Besucher bei Laune zu halten. Flotte Sprüche wie „Grüß’ Sie, liebe Leute, genug gelaufen – Salami kaufen!“ sind da eher die Ausnahme, denn meist erinnert die Aufforderung, eine Kleinigkeit zu kosten, eher an Marktgeschrei im Wiederholungsmodus. Das ständige Angebot wirkt fast wie eine Nötigung zum Probieren. Manch einer hat sich auf diese Weise aber bereits ein Mittagessen ergaunern können.

Hat der unnachgiebige Standbesitzer seine Kostprobe erst an den Mann oder die Frau gebracht, kann ein Einkauf schnell zur Falle werden. In perfektionierter Verkäufermanier wird schließlich aus einem – vielleicht nur aus Unmut – georderten kleinen Becher mit „ganz wenig Humus“ ganz schnell ein großer Becher Olivenpaste für 15 Euro.

Wer nicht hören will, muss fühlen

Verweigern sollte man die Kostproben übrigens nicht. Man sollte aber auch nicht unbedingt dazu sagen, dass überhaupt kein Interesse besteht, etwas zu kaufen. Sonst kann es etwa passieren, dass man statt einer einfachen leckeren Olive eine Olive mit einer versteckten Chilischote angeboten bekommt, die einen dazu zwingt, zum nächsten Falafel-Stand zu rennen, um die Schärfe zu neutralisieren. Oder dem Besucher wird gar angedeutet, die Steinfrucht direkt um die Ohren geworfen zu bekommen.

Wer dann noch nicht genug erlebt hat, kann sich anschließend noch durch den wöchentlichen Flohmarkt wühlen. Diesem wurde dank seinem „Müllmarkt“-Charakter sogar ein eigener Beitrag auf diesem Blog gewidmet.

Schutz von oben

Wer viel Wert auf Hygiene legt, darf am Naschmarkt nicht zu genau hinsehen. Die angebotene Frucht am Spieß ändert an der Tatsache nichts, dass sich der Verkäufer kurz zuvor noch in die Hand genießt hat. Hier heißt es, die Sauberkeit und Qualität der Waren lieber nicht zu hinterfragen.

 

Auffällig schmutzig sind vor allem die tief hängenden Markisen, die die Außenstände sowohl vor Witterung als offensichtlich auch vor dem Taubendreck schützen. „Lokaler Ekel!“, bringt es ein bezirksansässiger Samstags-Gast zum Ausdruck. In ein Restaurant ohne Überdachung möchte man sich nach diesem Anblick jedenfalls nicht mehr wagen.

Außen pfui, innen hui?

Optisch wirkt der Naschmarkt neben den Prachtbauten der nahegelegenen Secession oder der Karlskirche recht unscheinbar. Die alten grünen Stände scheinen im Gleichschritt mit dem einstigen Charme der zirka 300-jährigen Attraktion zu verblassen. Trotz der Sanierung zwischen 2010 und 2015 sehen die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude heute leider verwahrlost aus. Dieser Eindruck spiegelt sich in vielerlei Facetten wider.

Zu Rost und witterungsbedingt abgeblätterten Farbschichten gesellen sich „Kunstwerke“ der hiesigen Graffiti-Szene, die weder interessante Anekdoten des Naschmarkts, geschweige denn für den Laien irgendeine Kunst erkennen lassen. Zugegeben, die Wandbemalungen sind Geschmackssache, denen man noch mit gutem Willen etwas Modernität abgewinnen könnte, doch passend zum Gesamtbild unterstreichen sie den ungepflegten Eindruck des Marktes.

Der wahre Charakter des Naschmarkts

Unterliegt der Naschmarkt jeden Samstag dem lautstarken Bazar-Charakter, so gleicht er sonntags eher einer verlassenen Westernstadt. Die einzige Besuchergruppe bildet die Taubenschar, die dort täglich auf den Dächern verweilt. Im geschlossenen Zustand offenbart sich ein wahrlich trauriger Anblick: Verschmierte Außenfassaden, Restmüll vom Vortag, liegengebliebene Glasscherben des Flohmarktes und längst ausgediente Stehtische kommen
zum Vorschein.

Es entsteht ein Gesamteindruck, der einen eigentlich nicht dazu bewegt, einen Besuch dieser Wiener Institution weiterzuempfehlen, denn Sehenswürdigkeiten gibt es wenig. Und von Alt-Wien-Flair kann auch nicht mehr die Rede sein, wenn man die aktuelle Situation mit Bildern aus dem Archiv vergleicht. Bestenfalls vielleicht noch für Hartgesottene.

Doch der Naschmarkt wäre nicht der Naschmarkt, würde es ihn nicht samt seiner Macken geben, die seinen heutigen Charakter ausmachen. Tradition, Charme, Exotik und Angebot stehen für sich, weshalb er auch weiterhin ein beliebtes Ziel für Wiener wie Nicht-Wiener sein wird.

 

 

 

 

 

270 replies
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