Der “Ausgang” des 1. Bezirks

Alles, was einen Eingang hat, hat auch einen Ausgang. Der menschliche Körper genau so wie der 1. Wiener Gemeindebezirk. Um bei diesem Vergleich zu bleiben: Wenn man den Karajan-Platz und die Staatsoper als das hübsche Gesicht des Nobelbezirks bezeichnen würde und die Kärntner Straße somit der Eingang wäre, dann gäbe es einen eindeutigen Kandidaten für den … ähem … naja, “Ausgang” eben: den Schwedenplatz.

Perfekt ist die Lage deshalb, da hier einige schöne Wege zusammenführen (denkt man wieder an den Vergleich mit dem Körper … naja, lassen wir das). Geht man also in besagte Kärtner Straße hinein, schmerzen einen bereits bei der Ankunft am Stephansplatz die Augen vor lauter Pomp und Prunk. Aber gerade für Touristen ist das doch perfekt. Spätestens beim Stephansdom fällt man dann als kulturell interessierter Mensch aus allen Wolken. Wenn man dann den Graben und den darauffolgenden Kohlmarkt nicht mehr aushält, weil diese noch überwältigender wären, geht man schnurstracks gerade weiter durch die Rotenturmstraße. Sie ist – zumindest außerhalb der Weihnachtszeit – nicht ganz so übertrieben “Wien”. In der Weihnachtszeit gibt es hier eine der auffälligsten und – wenn man auf Kitsch steht – auch schönsten Beleuchtungen der Stadt.

Große, wohlgeformte Bälle erfreuen im Gebiet über dem Ausgang das Gemüt.

Doch bereits ein paar Meter vor dem Schwedenplatz kommt die erste Ernüchterung: Man ist in Wien doch in einer kapitalistisch geprägten Welt, und nicht im alte Häuser-Paradies. Ein Starbucks Café sitzt gemütlich zwischen bedeutsamen und alten Gebäuden und streckt der Wiener Kaffehaus-Kultur frech die Zunge heraus. Wenn man intelligent ist, hat man sich davor ein Eis beim Zanoni (zwar nicht ganz typisch Wien, aber durchaus zum Ambiente passend) oder beim Eis Greissler (ein Außenposten des Bobo 7ers) geholt und kann wohlig schmatzend leichter über den Kaffehaus-Fauxpas hinwegsehen.

Aber dann! Kurz bevor man seine Wien-Liebe mit einem Spaziergang über den Donaukanal intensivieren könnte, kommt der Super-GAU. Nur wenn man Glück hat, überfährt einen hier kein Auto, tritt man nicht in irgendeinen Fastfood-Essensrest oder wird nicht von einem besoffenen Prolo, der aus dem angrenzenden Bermuda-Dreieck (der einzig wirklich schlimmen “Party-Gegend” Wiens) torkelt, angemotzt.
Wie kommen die Schweden eigentlich dazu, ihren Namen von so einem Schmutzplatz beflecken zu lassen? Ein kurzer Blick auf Wikipedia verrät: Sie haben nach dem 1. Weltkrieg den Kindern Wiens geholfen. Wenn sie gewusst hätten, dass sie dafür mit ihrem Namen hier standhalten müssen, hätten sie sich das vielleicht noch einmal überlegt.

Seht ihr die Schönheit des Platzes? Nein? Ich auch nicht.

Und dabei hat der Platz so viel Potenzial. Es münden nicht nur schöne Wege, wie die Rotenturmstraße oder der Donaukanal hier, sondern auch viele öffentliche Verkehrsmittel. Das ist auch ein Grund, warum sich viele Wiener und Wienerinnen oft hier aufhalten. Es gibt abseits des Bermuda-Dreiecks natürlich auch viele gute Bars und Restaurants in der Nähe, weshalb man oft an diesem Ort landet, um auf einen Nachtbus zu warten. Um sich von der Schiachheit abzulenken, hilft es dann oft, irgendeinen Schund bei den unzähligen Imbissbuden zu erstehen und sich dann voll auf den Verzehr desselben zu konzentrieren. So leicht ist das aber gar nicht. Man muss nämlich schon ein bisschen Erfahrung haben, um zu wissen, an welchem der Stände man wirklich gutes Zeug bekommt. Außerdem gibt es eigentlich keine einzige Stelle auf dem ganzen Platz, wo man sich wirklich wohl fühlen würde beim Essen. Schon gar nicht bei der dafür angedachten Futterstelle:

Die Ausspeisung.

Das liegt übrigens weniger an der hohen Zahl der BettlerInnen und AlkoholikerInnen. Erstens müssen diese ja auch irgendwo sitzen und zweitens sind sie oft ganz unterhaltsam. Nein, es liegt nämlich an der absoluten Nicht-Existenz von jeglicher Dekoration oder Grünflächen – die paar kahlen Bäume fallen hier nicht ins Gewicht. Und was macht jeden schiachen Platz noch schiacher und ungemütlicher? Genau, eine fette Straße! In diesem Fall die vierspurige Wiener Ringstraße. Sie wird oft als Prachtstraße bezeichnet. Das mag an manchen Stellen wohl stimmen. Am Schwedenplatz jedenfalls nicht. Es wird nämlich dabei immer nur an die schönen Gebäude gedacht, die sie säumen. Vergessen wird dabei oft, dass hier sauviele Autos fahren, die Lärm und Abgase in ihr Umfeld ablassen. Man muss ja kein Öko-Freak sein, aber beim Essen braucht man das nun wirklich nicht.

Kaum vorzustellen, dass hier einmal ein schöner Platz entstehen wird, der zum Verweilen einlädt. Es gibt bereits ein Konzept zur Umgestaltung. Die Fotos wären ja vielversprechend. Aber wie man weiß, sind österreichische Lösungswege immer ein bisschen spät dran und oft nicht ganz problemlos durchzuboxen. Mal sehen, ob es hier etwas wird. Wünschenswert wäre es jedenfalls. Denn: Ein Ausgang kann ja durchaus auch ganz hübsch sein.

 

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