Die schiachen Seiten des Bahnfahrens

Als langjährige Pendlerin kenne ich sie nur allzu gut: die wirklich hässlichen Seiten des Bahnfahrens. Aber hier geht es nicht um überfüllte Waggons, Verspätungen und Ausfälle (Oberleitungsstörungen!), schlechte Mobilfunk-Verbindungen oder unfreundliche Schaffner. Ich habe Wiens Bahnhöfe genau unter die Lupe genommen und eine Fahrt quer durch die österreichische Bundeshauptstadt unternommen. Startpunkt war der südlich gelegene Bahnhof Wien Meidling, früher Philadelphiabrücke – und mein persönlicher Ausgangspunkt für einen jeden Wien-Besuch. Aber dazu später noch mehr. Jetzt geht es erst mal mit dem Kurzzug zu meinem „next stop – nächster Halt“: Matzleinsdorfer Platz.

Die Haltestelle Matzleinsdorfer Platz ist an sich nicht besonders aufregend: ein Bahnsteig, zwei Gleise. Doch sofort, wenn man ankommt, schweift der Blick auf die gegenüberliegende Wohnhausanlage – den Theodor-Körner-Hof. Im Jahr 2007 wurde hier eine 18 Meter hohe Lärmschutzwand errichtet. Sie soll nicht enden wollenden Lärm, Staub und Schmutz fernhalten. Ob das in der Praxis auch so gut funktioniert, sei dahingestellt. Verlässt man den Bahnhof, erschließt sich einem ein übles Wirrwarr an Autos, Motorrädern, Bussen und LKWs, die über den Matzleinsdorfer Platz dahinbrettern und unter dem Viadukt hindurch auf der Triester Straße gen Süden fahren. Besonders für Fußgänger ist der Platz ein besonders asozialer Unort. Alles wirkt abgenutzt, verbraucht, lieblos, sich selbst überlassen.

Zurück in der Bahnhofshalle zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Das Stammbeisl lädt zum gemütlichen Vormittagsbier ein und exotische Kebap-Noodles bringen auch verwöhnte Gaumen zum Frohlocken. Doch heute passe ich und ziehe weiter Richtung Wien Hauptbahnhof.

Der neue Wiener Hauptbahnhof wurde erst im Jahr 2014 nach fünfjähriger Bauzeit eröffnet. Da gibt es also nicht viel zu meckern. Innen erstreckt sich eine gigantische Halle mit unzähligen Shops und einer Fast-Food-Fressmeile für hungrige Touristen. Rund um das Gebäude prägen Baukräne, Absperrbänder, halbfertige Bauten und Container das Bild. Ein ganz neues Stadtgebiet soll auf dem riesigen Areal entstehen. Ob das in Zukunft auch zu Wiens hässlichsten Auswüchsen zählen wird? Wir werden sehen.

Ich setze meine Reise weiter fort. Die Bahngleise ziehen sich dabei quer durch die Stadt, vorbei an beschmierten Häuserrücken, vergessenen Hinterplätzen, unschönen Rückseiten und brachliegenden Grünflächen.

„Next stop – nächster Halt“: Wien Floridsdorf. Nördlich der Donau ragt dieser Bahnhof als unschöner Zweckbau hervor. Kaum bin ich die Rolltreppe hinunter, überkommt mich auch schon das Gefühl schnell weiterzugehen. Ich mache es den anderen Leuten gleich, passe mich dem schnellen Schritt an, schon befinde ich mich vor der Bahnhofshalle. Der Franz-Jonas-Platz zählt dabei ganz klar zu den optischen Problemecken. Aber nicht nur die Optik stößt den Anrainern sauer auf, sondern auch die hier aufkeimende Drogenszene.

Die Fahrt geht weiter und das nächste hässliche Ungetüm wartet bereits. Olá! Fliesen bringen Lissabonner Flair in den Bahnhof Strebersdorf. Die kunstvollen Azulejos sind in der portugiesischen Hafenstadt weitverbreitet und prägen das Stadtbild. Das Wiener Pendant hingegen ist meiner Meinung nicht ganz gelungen und erinnert eher an biederen 70er-Chic.

Je weiter man Richtung Stadtgrenze fährt, desto kleiner und schräger werden die Haltestellen. Ein gutes Beispiel ist der Bahnhof Jedlersdorf im 21. Bezirk, der im Jahr 2000 sogar komplett umgebaut wurde. Die Personenzugänge wurden damals von Schülern der “Graphischen” gestaltet. Heute landet er (leider) auf meiner Liste der hässlichsten Bahnhöfe. Nach 15 Minuten des Wartens in Eiseskälte mache ich mich mit dem nächsten Zug zurück in Richtung Innenstadt auf.

Ich statte dem Franz-Josefs-Bahnhof im neunten Wiener Gemeindebezirk Alsergrund einen kurzen Besuch ab. Über dem Bahnhof erhebt sich ein potthässlicher Glaspalast mit einem breiten Stiegenaufgang. Innen warten ein mächtiges Underground-Gleisfeld und eine zumeist menschenarme Bahnhofshalle auf ankommende Besucher. Alles andere als ein kaiserlicher Empfang für Bahnfans. Aber die gibt es hier ohnehin fast nicht mehr – seit Jahren verkehren nur noch ein paar Regionalzüge. Da lockt wohl nur mehr am Sonntag die offene Billa-Filiale.

Mein weiterer Weg führt mich zum Bahnhof Wien-Hütteldorf von dem es aber aufgrund der eisigen Temperaturen schnurstracks wieder mit dem Zug retour zum Westbahnhof ging. Doch während der Fahrt konnte einige Gustostücke bis hin zum neuen Allianz-Stadium entdecken.

Zurück am Bahnhof Meidling sehe ich mich voller Wehmut um. So viele Stunden habe ich hier schon verbracht und Zugverspätungen geduldig ausgeharrt. Zu späterer Abendstunde versprüht Meidling dabei einen ganz besonderen Charme. Dann nämlich, wenn der Ströck und die Trafik schon geschlossen haben, der Zeitungsverkäufer und die Zeugen Jehovas nach Hause gegangen sind und die mit ausgebleichten rosa Fliesen gesäumte Halle beinah menschenleer geworden ist. Ach, Wien, du kannst so hässlich sein. Ich eile schnell zu Bahnsteig 2, einmal quer durch das Gebäude und fahre wieder zurück nach Hause.

Welche schiachen Bahnhöfe in Österreich fallen euch ein?

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