Breite Gasse 15: Schande des Spittelbergs

Einer der gemütlichsten Stadtteile Wiens ist, meiner Meinung nach, der Spittelberg im siebten Wiener Gemeindebezirk Neubau. Man fühlt sich wohl in Spittelberg – eine Oase abseits des städtischen Lärms und der Hektik des Alltags in der Mitte Wiens.  Entlang der gepflasterten Straßen stehen kleine zauberhafte Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die niedrigen, flachen Gebäude in diesem Stadtviertel gehören architektonisch den Stilen Barock und Biedermeier an.

Schimpf und Schande!

Natürlich sind diese charmanten Gassen des Spittelbergs voller Touristen, die nicht zuletzt zu Besuch nach Wien kommen wegen der weltberühmten, bezaubernden Artchitektur. „Der Wien-Tourismus lebt von Wiens historischer Bausubstanz, und die besteht nicht nur aus Schlössern und Palais, sondern eben auch aus Bürgerhäusern“, schreibt Peter Michael Lingens in einem seiner Artikel im „Profil“.

Unter den hübsch restaurierten historischen Gebäuden tut sich besonders das 1800 erbaute Haus „Zur Heiligen Dreieinigkeit“, Breite Gasse Nummer 15 hervor. Seine Biedermeierfassade mit Blendarkatur, Halbkreislünetten und Reliefs fällt den Passanten ins Auge. Allerdings auch wegen seines Trümmerzustands. Seine einst schmucke Fassade wurde mehrmals umgefärbt, mit hässlichen Graffiti besprüht und mit Plakaten und Werbung entstellt. Eine Schande! Und das ausgerechnet hinter der U-Bahn-Station Volkstheater und MuseumsQuartier.

 

Die Streitigkeiten über das Vorhaben des Eigentümers sind entbrannt

Die Presse hat diesem Problem schon einige Beiträge gewidmet und die Meinungen polarisiert. Der Verein „Initiative Denkmalschutz“ hat sich engagiert, um die Atmosphäre der Spittelberger Ensembleschutzzone zu erhalten. Dafür muss das Gebäude „Zur Heiligen Dreieinigkeit“ einen bestimmten geschichtlichen oder künstlerischen Wert für das Kulturerbe Österreichs haben. Trotzdem hält der Eigentümer, ein Rechtsanwalt, dieses seit langem unbewohnte Haus für eine abbruchreife Ruine und beabsichtigt, nach den Angaben der Zeitungen Der Standard und Die BZ, den Biedermeier-Bau dem Erdboden gleichzumachen. Sein Plan sei, an diesem Platz einen Neubau mit Büros oder Wohnungen aufzubauen. Wie schade. Die Presse sieht darin Spekulationsabsicht und fordert das Denkmalschutzamt auf, das Haus zu retten.

Biedermeierfassade mit Blendarkatur und Halbkreislünetten. Foto von Julija Alechno.

Durch Kunst neue Kraft geschöpft

Schon seit angeblich mehr als 15 Jahren steht das verfallende Haus leer und verlassen. Doch haben sich in der Zeit in den Wänden auch viele interessante Geschichten ereignet. Verschiedene Künstler haben dem Gebäude neues Leben eingehaucht.

So hat das Künstler-Duo „Luntisten“ 2009 in dem Haus ein Atelier eingerichtet, in dem „gemalt, gedruckt, getextet“ wurde. Die jungen Studentinnen Felicitas Grabner und Franka Rothaug haben zusammen mit ihrem Hund Lunt die Räume mit Graffiti und Bildern bemalt und als Austellungsraum für ihre kreativen und „konzeptlos farbigen“ Kunstwerke und Performances benutzt. Auch die Außenarchitektur von Breite Gasse 15 wurde von dem Künstlerkollektiv stark verändert: durch abstrakte Gemälde auf den Fenstern, Muster, Graffiti mit wunderlichen und manchmal bizzaren märchenhaften Tier- und Vogelmotiven, Aushängeschilder an der Fassade und Teller auf den Wandarkaden.  Oftmals sind die Mädchen auf Probleme gestoßen wie Diebstahl ihrer Materialien oder unerwünschter Besetzung des Hauses. Nach einigen Jahren aktiver schöpferischer Tätigkeit haben die „Luntisten“ diesen Ort verlassen.

Das Aushängeschild des Ateliers “Luntika”. Foto von Julija Alechno.

Das verödete Ambiente und alternative Ästhetik dieses Gebäudes hat auch eine russisch-österreichische Regisseurin von Experimentalfilmen angelockt.  Für das Fimproduktionsteam wurde hier eine improvisierte Küche und ein Wohnzimmer eingerichtet, unter zerbröckelten Mauern und zerkümeltem Putz waren überall Kabel, Kameras, Lichtständer und Drehtechnik zu sehen. Diesmal hat Elena Tikhonova ihre abendfüllende Debüt-Komödie „Kaviar“ über das Leben der russischen Menschen in Österreich, mit einem typisch-übertriebenen russischen Oligarchen als Hauptfigur, gefilmt.

Regisseurin von “Kaviar” Elena Tikhonova mit dem Fimproduktionsteam. Foto von Julija Alechno.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kunstwerke von den Luntisten. Foto von Julija Alechno.

So wurde in den Kulissen dieses besetzen Hauses mit bunten Graffiti-Wänden zwischen den Schallplatten und zahlreichen rauchigen Aschbechern, vom geheimnisvollen Halbdunkel umrahmt, eine Szene gedreht, bei der laut Skript zwischen dem Anführer der Punk-Gang und dem intriganten Klaus ein cleverer Komplott gegen den Oligarchen Igor stattfindet. Die Kunstwerke der „Luntisten“ dienten als passendes Bühnenbild.

Die Filmszene mit der Punk-Gang. Foto von Julija Alechno.

Und wieder Verödung und Verwahrlosung

Seit Abschluss der Dreharbeiten von „Kaviar“ Ende Oktober 2016 steht das Haus Breite Gasse 15 schon wieder leer und leblos. Vor den Eingangstüren hängt eine dicke Kette mit einem großen Schloss. Das Interieur des Gebäudes ist den Augen der neugirigen Menschen versperrt. Der Putz bröckelt weiter herab, die Biedermeier-Fassade ist hinter den Werbungsplakaten kaum mehr zu erkennen. Wird die interessante Geschichte von „Zur Heiligen Dreienigkeit“ in Vergessenheit geraten? Nur die Zeit wird zeigen, was mit dem Haus Nummer 15 passieren wird.

Foto Links:

“Luntika” – das Atelier der Luntisten

Breite Gasse 15: Fotos 2015

Transformation des Gebäudes ab 1899

4 Kommentare
  1. Baneocin
    Baneocin says:

    Dann Kaufs und besorg da a Baufirma dies Abreißt.
    Bin gspannt ob man damit klar kommt wenn
    Stattdessen ein Bau mit 10-15 Wohnungen etc.
    dort steht wo überall leute drin Wohnen die
    kein Wort Deutsch sprechen.

    Antworten
  2. julie
    julie says:

    Nein, abreissen kann sicher nicht die Lösung sein. Die Kunst sollte erhalten bleiben. Was will man denn hier hinbaun? Einheitliche Gemeindewohnungen, wo der Nachbar die falsche Tür erwischt, weil alles gleich ausschaut?
    Ist mir auch schon passiert, allerdings bin ich auf einer Nebenstiege gelandet. Gewundert habe ich mich nur, weil die Türmatte anders war und ich die Wohnungstür einfach nicht aufsperren konnte.
    Nein das sollte alles restauriert werden und die alte Kust unbedingt erhalten bleiben. Wenn das so weiter bröckelt, wird man das Haus abreissen müssen, was wahrscheinlich passieren wird. Schade drum

    Antworten

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.