Das schönere Übel

Der 15. Bezirk ist das Arschloch von Wien. Wieso? Weil Rudolfsheim-Fünfhaus, wie der menschliche Anus, selten ins Scheinwerferlicht gerückt wird. Und wenn es doch passiert, dann muss er meistens für Pornografie herhalten – vornehmlich billigen Sozial-Porno. In keinem Bezirk sind die Bewohner nämlich ärmer als in der dicht bebauten Fläche zwischen Lugner-City, Westbahnhof und Sechshauser Straße. Der durchschnittliche Angestellte kassiert hier nur 1.200 Euro brutto pro Monat, während die Büro-Hackler im ersten Bezirk durchschnittlich 2.130 Euro absahnen. Gleichzeitig ist auch die Lebenserwartung am niedrigsten und die Geburtenrate am höchsten. Und mit einem Ausländeranteil von 40 Prozent übertrumpft Rudolfs-Crime-Fünfhaus, wie die jogginghosentragenden Bewohner ihre Heimat respektvoll nennen, auch den Multikulti-Vorzeige-Bezirk Ottakring.

All das ist bei einem Spaziergang durch die Straßen von Rudolfsheim-Fünfhaus zu erkennen, aber nirgendwo ist es so offensichtlich wie in der Sechshauser Straße. Hier reiht sich Handy-Shop an Wettlokal, Sex-Studio an Kontakt-Café, Diskonter an leer stehenden Supermarkt, Alkoholiker-Absteige an Bauchstich-Bude und Billig-Modehaus an Wühltisch-Paradies. Hier bröckeln die Fassaden der Gründerzeithäuser noch wie mürbe Kekse in der Handtasche, hier bleibt kaum ein seriöser Laden länger als ein halbes Jahr offen – und wenn doch, dann wird die Seriosität seiner Betreiber stark angezweifelt. Kurz: Hier werden kleine Geschäfte im Hinterzimmer abgewickelt und hier rückt die Polizei nächtens zu Großeinsätzen aus.

Angesichts des Straßenbilds wirkt es schizophren, dass ein Stadtentwicklungsbüro seit Jahren in der Sechshauser Straße beheimatet ist. Anwohner fragen sich in Anbetracht des jahrelangen Stillstands im Grätzel unweigerlich, ob es sich dabei um eine geschützte Arbeitsstätte der Stadt Wien für wenig talentierte Beamte handelt. Zumindest dürften die Angestellten dort im Tagesgeschäft ganz andere Gegenden im Fünfzehnten – wahrscheinlich den neuen Kreativ-Hotspot Reindorfgasse, wo sich seit einigen Jahren hippe Taschenläden, Craftbeer-Bars und Architektenbüros ansiedeln – fördern als ihre direkte Nachbarschaft.

Wie abgelebt die Gegend zwischen Gürtel und dem Auer-Welsbach-Park tatsächlich ist, zeigte sich als 2015 die einzige Bank in der Straße ihre Filiale schloss. Über ein halbes Jahr gab es zwischen der Äußeren Mariahilfer Straße und der Linken Wienzeile keine einzige Möglichkeit Bargeld abzuheben. Und ohne Moos ist bekanntlich nix los – zumindest beim Konsum in der Gegend. Gefühlt haben in der Zeit acht Handyshops, drei Internetcafés und zwei Leggins-Läden zugemacht. Nicht dass die Shopping-Vielfalt dadurch gelitten hätte, prägen sie aber seither als leerstehende Erdgeschosse das Straßenbild und verleihen der Sechshauser Straße den schaurigen Schein des Scheiterns.

Eine andere Pleite hatte für die Bewohner in der oberen Sechshauser Straße ebenfalls lästige Nachwehen: Mit der Insolvenz des Zielpunkt-Konzerns und dem damit verbundenen Schließen der Filiale war die Lebensmittelversorgung zum Problem geworden. Zwar war die Filiale in der Sechshauser Straße 88 nie ein Gourmet-Tempel, aber sehr wohl der einzige Supermarkt im oberen Bereich der Straße. Nach dem offiziellen Ausräumen vergingen Monate bis ein neuer Betreiber, eine größere türkische Supermarktkette, wieder die automatischen Türen öffnete. Um sie nach nur knapp zwei Monaten wieder zu schließen – bis heute. Würde in der Sechshauser Straße 122 nicht der sympathische, bulgarische Greisler „Ariwa Markt“ auf gefühlten zwei Quadratmetern Verkaufsfläche ein ausgesucht feines Sortiment des täglichen Bedarfs anbieten, wären die Grätzelbewohner wohl mittlerweile auch die dünnsten von ganz Wien.

Der Straße geht’s schlecht, das ist offensichtlich. Die Bobos aus der Josefstadt und aus Neubau flüstern sich bei einem veganen Chai-Latte im hippen Nichtraucher-Digital-Nomad-Co-Working-Space dennoch weiterhin zu: „Der Fünfzehnte ist total unterschätzt, aus dem wird noch was!“ Recht haben sie, aber eben nicht morgen oder im nächsten Jahr. Noch herrschen hier die Arbeiter und Arbeitslosen. Und das wird wohl im nächsten Jahrzehnt auch so bleiben. Hoffen wir es, denn die von vielen Ecken geforderte Gentrifizierung hätte doch vor allem für sie nur Schattenseiten parat, da die Kohle von solventen, Hornbrille tragenden Bauherren in Sneakers die Rosette Wiens vergolden würde.

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