Schiaches Wien? Nicht mit mir!

Man kann Wien leicht schiach finden, wenn Wien die einzige Großstadt ist, in der man je gewohnt hat. Aber ich habe in Montréal, Brüssel und Kopenhagen gelebt, viele weitere Metropolen auf der ganzen Welt besucht und mag Wien immer noch.

Ich lebe gerne in der Stadt. Ich finde es super, dass ich zu Fuß zum Supermarkt oder ins Kino gehen kann. Ich mag es, dass mein Auto meinen Nachbarn nicht automatisch verrät, ob ich zuhause bin. Vor allem aber, dass man hier eigentlich gar kein Auto braucht. Ich liebe es, neue Lokale zu entdecken und in den zahlreichen Grünanlagen spazieren zu gehen. Mit 16 fand ich es außerdem super, dass ich in der Disko jeden Samstag neue Männer kennenlernen konnte und nicht irgendwann der Dorf-Zenit erreicht war. Ich habe kein Trauma, weil ich als Kind im Hof gespielt habe und nicht im Garten. Ich bin in Meidling aufgewachsen, das Gymnasium und die Oberstufe besuchte ich im 15. und im 10. Bezirk. Wenn jemand frisch nach Wien kommt, mögen diese Bezirke nicht die erste Wahl sein – aber es muss schließlich auch Liebe auf den zweiten Blick geben. Ja, vielleicht war früher alles besser, wahrscheinlich gab es weniger Wettbüros und mit Sicherheit war der Meidlinger Markt noch weniger “bobo”.

Natur in der Stadt

Aber man soll bekanntlich nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Klar, dass es in Hintertupfing mehr Natur gibt als in Wien, doch dafür vielleicht auch weniger Arbeitsplätze. In Wien leben mehr Menschen, folglich gibt es hier auch mehr Kriminalität. Dennoch: Unsicher fühle ich mich nicht. Unwohl vielleicht schon manchmal, aber das würde ich auch in einer schlecht beleuchteten, menschenleeren Gasse auf dem Land. Und das nicht erst seit den ORF-Landkrimis.

Beim Durchlesen der Zeitungen in Montréal lernte ich ein Wort ziemlich schnell: nid-de-poule, was Hühnernest oder eben Schlagloch bedeutet. Eine derartige Diskussion über schlechte Straßenqualität aufgrund der extremen Wetterbedingungen habe ich in Wiener Zeitungen bisher nicht gelesen.

In vielen Ländern ist es ganz normaler Alltag, ich fand es immer etwas befremdlich, den Mist am Abend, bevor die Müllabfuhr kommt, einfach vors Haus zu stellen – umso besser gefallen hat es dafür den Waschbären, die die Beutel aufrissen, den Inhalt im Schnee verteilten und nach Essbarem suchten. In Brüssel war eigentlich kaum etwas besser als in Wien, außer die Pommes – die waren es dafür um Welten. Der öffentliche Verkehr bestand dagegen aus mehr warten als fahren, die Kriminalitätsrate war extrem hoch (auch in mein Zimmer wurde eingebrochen) und alles in allem hatte die Stadt einfach zu viele schmutzige, dunkle und ungemütliche Ecken.

Von Kopenhagen könnte sich Wien jedoch noch Einiges abschauen, vor allem in puncto radfahren und Familienfreundlichkeit. Dafür war die Zimmersuche mehr als mühsam. Ich bin dort in nur fünf Monaten dreimal umgezogen – in der dänischen Hauptstadt durchaus nichts Ungewöhnliches. Natürlich kann man diesbezüglich wahrscheinlich in jeder Stadt etwas verbessern. Zumindest ist leistbares Wohnen in Wien noch irgendwie möglich und nicht ,wie beispielsweise in London oder Paris, erst kilometerweit außerhalb des Zentrums.

Schiache Sachertorte?

Wer alle Wiener arrogant findet und ohnehin “ka große wöt” braucht, der kann Wien ja weiterhin schiach finden. Ich hingegen überlasse das Jammern, Raunzen und Sudern in dieser Hinsicht den anderen. Ich liebe Wien mit seinen Heurigen und seinen dubiosen Massagestudios à la Studio 85 A, mit seiner Sachertorte und seinen Hundstrümmerln, mit der Mariahilfer- und der Favoritenstraße, mit dem Prater und dem Park ums Eck. Ich liebe Wien eben genauso wie man einen Partner liebt: mit all seinen Schwächen.

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.