Die Königin der U-Bahn Toiletten

Wer kennt das nicht? Unterwegs in der Stadt und plötzlich überkommt einen der Drang sich zu erleichtern. Kein Lokal in der Nähe, der Würstelstand hat keine Toilette und auf der Straße solls auch nicht sein. Das Verlangen nach einem Ort der Ruhe und des Rückzugs wird also immer dringender.

Zahlreiche Stationen der Wiener U-Bahn bieten eben jenen Rückzugsort, an den sogar Kaiser zu Fuß gegangen sein sollen. Die gesegnete, öffentliche Toilette. Es sei denn, sie ist gerade defekt, die Öffnungszeiten machen einem einen Strich durch die Rechnung oder die “Belegung” lässt es gerade nicht zu. Ansonsten steht einem (meist) kostenlosen Weg für das dringendste aller Geschäfte nichts im Wege.

Als Wiener musste man sich in Sachen Notdurft natürlich an viel gewöhnen. Defekte Pissoirs, unfreundliche Zeitgenossen, keine Papierhandtücher oder gar Klopapier.

All diesen Umständen zum Trotz muss es von Zeit zu Zeit sein. Der Besuch des stillen Örtchens außerhalb der eigenen vier Wände oder eines sauberen, alternativen Ortes.

Was die Toilette der U3 Station Schlachthausgasse für einen bereithält, geht, auf gut wienerisch, allerdings auf keine Kuhhaut.

Der Besuch, ein Erlebnis für die Sinne:

Denkt man, speziell als Wiener, ordentlich abgehärtet zu sein was Orte angeht, an denen man sich nicht und wenn, nur möglichst kurz aufhalten möchte (Stichwort: U6), wird man im Zwischengeschoss der Schlachthausgasse eines Besseren belehrt. Und wie.

 

Visuell: Urin, so weit das Auge reicht. Schimmelflecken im Pissoir. Schmutz im Übermaß (sollten die Fugen der Fliesen nicht weiß sein?) und herumliegendes Toilettenpapier. Wurde an so einem Ort nicht der erste Teil von Saw gedreht? Würde ein abgeschnittener Fuß und Blutspuren irgendwo auf einen warten, es sollte keine Überraschung sein.

Haptisch: Angreifen möchte man hier eigentlich nichts. Nicht mal den Wasserhahn oder die Papiertücher. Wer weiß, was damit schon passiert ist. Von der Türschnalle wollen wir an dieser Stelle erst gar nicht sprachen, die Türe in bester Cop-Manier auftreten ist die einzige Wahl.

Auditiv: Stille, keiner hier. Im Hintergrund aber das dumpfe Dröhnen der einfahrenden Züge, irgendwie gespenstisch.

Olfaktorisch: Der König der Sinne, wenn man sich dieser Toilette auch nur nähert. Urin, Erbrochenes, Kot, Schimmel, all das verursacht den hier wahrnehmbaren Geruchs-Cocktail. Das Anfertigen der Fotos dieses Ortes ist somit schlicht Schwerstarbeit. Zunächst der Versuch die Nase zuzuhalten und nur durch den Mund zu atmen, doch der Geruch ist gefühlt sogar auf der Zunge wahrnehmbar. Widerlich? Schiach? Bisher scheint kein Adjektiv erfunden worden zu sein, um den hier in der Luft liegenden, bestialischen, Gestank zu beschreiben.

Man könnte das Ganze nun natürlich philosophisch angehen. Augen, Nase, Ohren zu und einfach durch, oder doch mit voller Blase leiden bzw. für ein etwaiges Bußgeld entscheiden, sollte die Polizei einen draußen erwischen? Nachdem ich nur eine U-Bahn-Station entfernt wohne, könnte man die ganze Abhandlung unter dem Gesichtspunkt “mit voller Hose lässt sich gut stinken” sehen. Da ich die Toilette selbst einmal aufsuchen wollte, aber nach einigen wenigen Schritten, der oben beschriebenen Sinneseindrücke wegen, das Weite gesucht habe, war die ganze Philosophiererei eigentlich mehr rhetorischer Natur.

 

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  1. […] verdrängt werden – überhäufte Stuwerviertel oder der Landstraßer Süden rund um die Schlachthausgasse. Auch das durch zwei Donauarme von der Außenwelt abgegrenzte, seit Jahrzehnten berüchtigte […]

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