Der Julius-Sandler-Platz

Der Julius-Tandler-Platz im 9. Wiener Gemeindebezirk: Ein kuscheliges Plätzchen vor dem Franz-Josefs-Bahnhof, dem wahrscheinlich unbedeutendsten Bahnhof der ganzen Stadt.

Die Geschichte

Benannt wurde der Platz nach Julius Tandler, Sozialdemokrat und seinerzeit führender Anatom der Uni Wien. Julius Tandler gilt heute, aufgrund seiner mehrmaligen Forderung nach Sterilisierung von „unwertem Leben“, in manchen Kreisen als ideologischer Wegbereiter der NS-Massenvernichtung. 2013 wurde der Straßenname von einer Forschungsgruppe im Auftrag der Uni Wien und der Stadt Wien als „Fall mit Diskussionsbedarf“ eingeordnet.

Hübsch.

Einige kennen den Platz vielleicht vom Vorbeifahren: Sowohl die Linie D, als auch die Linien 5 und 33 halten hier. Möglicherweise kennt man ihn auch durch einen Vorlesungsbesuchs im nahegelegenen schrottigen UZA (Universitätszentrum Althanstraße). Oder aufgrund der Zugverbindungen, aber das ist dann doch eher unwahrscheinlich.

Das Bahnhofsgebäude

Eines der Gebäude am Julius-Tandler-Platz, welches sich durch besonders prachtvolle Bauweise auszeichnet, ist das Bahnhofsgebäude des Franz-Josefs-Bahnhof. Der stählerne Glaskoloss wurde in den 1970er-Jahren in seiner jetzigen Form fertiggestellt. Er wurde als Kopfbahnhof der Kaiser-Franz-Josefs-Bahn konzipiert. Mittlerweile, vorangetrieben durch die Errichtung des S- und U-Bahnknotens Spittelau und der Einstellung des Schnellzugverkehrs, hat er an Bedeutung für den Pendlerverkehr verloren.

Die stärkste Frequenz hat der Bahnhof am Wochenende. Nicht aber wegen der ausgezeichneten Regional- und Fernverbindungen, sondern weil sich ebenerdig einige Geschäfte angesiedelt haben. Darunter ein BILLA, der auch sonntags bis 22 Uhr geöffnet hat und dadurch alles was kreucht und fleucht anlockt, ein BIPA, eine Trafik und ein McDonalds.

Haupteingang Franzl-Bahnhof.

Die übrigen Stockwerke des gläsernen Brockens beherbergen die Zentrale der Bank Austria. Diese wird das Gebäude in nicht allzu langer Zeit verlassen, um sich in der Lassallestraße anzusiedeln. Unverständlich. Es ist doch so schön hier.

Das Außenleben

Der zubetonierte Bahnhofsvorplatz überzeugt vor allem durch zahlreiche Kebap- und Imbissbuden und einer monströsen Stiege, welche zum Verweilen einlädt. Besonders im Sommer ist die Bahnhofsstiege DER Treffpunkt schlechthin. Wenn der Asphalt brennt und die heiße Luft die Lungen zum Bersten bringt, kann man sich zum gemütlichen Plausch mit Fusel und Tschick auf der Stiege niederlassen. Man trifft hier immer wieder altbekannte Gesichter. Freudiges Hundebellen, raschelnde Plastiksackerl und der Geruch von Bierkotze und Alkoholausdünstungen hängen in der Luft. Eine Oase des Wohlbefindens.

Denkerstiege.

In der Winterzeit ist die Stiege großteils, aufgrund der möglichen Glatteis-Sturzgefahr, abgesperrt. Sehr umsichtig, wie ich finde. Die Eingangsbereiche zum Bahnhof, sowie die Zwischentüren beim BILLA/BIPA-Eingang bieten jedoch ausreichend Platz, um anderweitig weiterzuplauschen. Mein persönlicher Lieblingseingang ins Bahnhofsgebäude liegt auf der Nordseite des Gebäudes (Nordbergstraße).

Eingang Nordbergstraße.

Man beachte die gelungene Bepflanzung.

 

 

 

 

 

 

Betritt man von hier aus den Bahnhof, gelangt man in die lichtdurchflutete Bahnhofshalle. Äußerst gemütliches Ambiente. Wenn man Glück hat, ergattert man auch ein Plätzchen auf einem der sage und schreibe zwei Wartebänkchen. Die sind jedoch oftmals schon von schlafenden Männern belegt, die sich von den Strapazen des Tages erholen. Auch die Wartebereiche der Linie D werden gut und gerne als Schlafplatz und Ruhezone genutzt.

Der Wartebereich. Gemütlich, wie das eigene Wohnzimmer.

Das Einkaufserlebnis

Ein Shopping-Erlebnis der anderen Art bietet der im Bahnhof befindliche BILLA. Sieben Tage in der Woche geöffnet und das bis 22 (!) Uhr. Für kuschelbedürftige Menschen kann ich den Sonntagabend besonders empfehlen. Der Desinfektionsmittelgeruch vor dem Eingangsbereich brennt zwar etwas in der Nase, aber über fleißiges Reinigungspersonal sollte man sich nicht brüskieren. Wer hat es denn nicht gerne sauber? Besonders wenn man an die vorhin erwähnte Bierkotze zurückdenkt.

Zugang zur Kuscheloase.

Drinnen angekommen muss zunächst das Dancebattle in der Obst-und Gemüseabteilung mit unzähligen weiteren Bewerbern geschafft werden: Vor. Zurück. Cha cha cha.  Aber kein Grund zur Traurigkeit, denn der Tanzspaß setzt sich auch in den übrigen Lebensmittelgängen fort.

Während man also durch die Gänge tanzt, warten einige Überraschungen. So auch in einer der Google Bewertung gelesen: „Man muss aufpassen, da es immer wieder Menschen gibt, die von Produkten probieren und diese wieder ins Regal stellen.“  Ja, richtig: Beim BILLA im Franzl-Bahnhof sind Testesser unterwegs. Ich selbst durfte einmal Zeuge eines Nacho-Live-Testessens werden. Auf meine Frage, ob der Ertappte die begonnene Packung Nachos denn nicht bezahlen wolle, antwortete er mit einem charmanten „Gusch“ und stapfte davon.

Die Kassaschlange ist ein weiteres Highlight: Es kommt vor, dass sich diese bis zur Getränkeabteilung (wohlgemerkt: das hintere Ende des Geschäfts) erstreckt. Im Grunde genommen halb so schlimm – zumindest für mich. Während ich langsam am Süßigkeitenregal vorbeischleiche, überlege ich, was ich gerne davon essen oder auch nicht essen würde. Letztendlich kaufe ich mehr als ich tragen kann. Einfach weils wurscht ist und glücklich macht.

An der Kassa angekommen fällt schnell auf, dass fast alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Handschuhe tragen. Die ursprünglich weißen Latexhandschuhe sind stets gelblich braun verfärbt und lösen, zumindest bei mir, jedes Mal einen starken Hände-Waschdrang aus. Die Freundlichkeit der Angestellten trotz teilweise pöbelnder und definitiv nicht geruchsneutraler Menschenmassen überrascht immer wieder aufs Neue. So undergroundig und sandlerisch der Julius-Tandler-Platz auch sein mag, er ist jedes Mal ein Erlebnis.

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